Alexander Delphinov – Smirnovs Ausnahmefall

Alexander Delphinov
Smirnovs Ausnahmefall
Aus dem Russischen von Irina Bondas
»Eine nette Dame« (S. 18) übersetzt von Alexandra Berlina
»Nein zum Krieg« (S. 28) übersetzt von Georg Witte
hochroth Berlin 2024
36 Seiten, Broschur
ISBN 978-3-949850-44-8
10 €

Deutsche Fassungen mit freundlicher Unterstützung von (c) PARATAXE/stadtsprachen magazin.

 

»Smirnovs Ausnahmefall« ist Alexander Delphinovs erster Lyrikband in deutscher Übersetzung. Die Gedichte sind zwischen 2013 und 2023 entstanden. Vieles dreht sich darin um die autofiktionale Figur Smirnov: seine von Gewalterlebnissen gezeichnete Kindheit in der späten Sowjetunion, sein Leben mit psychiatrischen Diagnosen, sein ironisch gebrochener Umgang mit Identitätsfragen. Doch es sind auch viele anderen Stimmen zu hören – der Putinversteher Michael schwärmt von »geilen Bars« in St. Petersburg, ein prophetischer Taxifahrer sieht die Welt in Flammen aufgehen, ein grotesker Chor von Besuchern des Rossija-Supermarkts tritt ein. Die Texte sind direkt, witzig, sprechen von politischer Verantwortung und scheuen nicht das Pathos.

Alexander Delphinov (*1971 in Moskau, bürgerlich: Smirnov nach dem Vater, der seinen jüdischen Namen Grinberg in einen russischen änderte) ist Dichter, Journalist und Spoken-Word-Artist. In Russland war er auch im Bereich Drogenpolitik, Aufklärung und Prävention aktiv. Seit 2001 lebt er in Deutschland. Er ist Mitbegründer des Berliner Kulturzentrums PANDA platforma. Auf Russisch liegen mehrere Lyrikbände vor. 2023 erschien beim Tweeback Verlag in Übersetzung von Heinrich Siemens sein Prosaband »Der ­verborgene Fluss«.

Irina Bondas (*1985 in Kyjiw) hat Dolmetschen und Politikwissenschaft in Leipzig und Edinburgh studiert und arbeitet als freiberufliche Konferenzdolmetscherin und Übersetzerin aus dem Englischen, Russischen und Ukrainischen sowie als Dozentin und Kulturvermittlerin in Berlin. Sie ist für verschiedene internationale Festivals und Kultureinrichtungen tätig, übersetzt Publizistik, Theater, Lyrik und Kurzprosa.

 

Revolver

Wo ist mein schwarzer Revolver?
die ganze Wohnung auf den Kopf gestellt,
einen Playboy gefunden,
Original aus Amerika
von 1975, unterm Bett.
Abgelatschte Schuhe der Berliner Marke Trippen gefunden.
Ein Tape der Band Graschdanskaja Oborona gefunden,
auf der B-Seite die Dead Kennedys,
nur nirgendwo ein Revolver.
ein Tütchen Ecstasy gefunden,
leer.
Die erste sowjetische Ausgabe
von Herbert Wells’ Krieg der Welten gefunden,
mit endgeilen Illustrationen,
sowas gibts heute nicht mehr.
Eine alte Postkarte mit tanzendem Skelett gefunden.
Einen Anarcho-Sticker mit Destroy the system gefunden,
nur nirgendwo ein Revolver.
Vielleicht war da überhaupt kein Revolver?
Dabei kann ich mich gut an ihn erinnern.
An seine kalte Schwere in meinen Händen.
Wo ist mein schwarzer Revolver?
Ein Kakerlakenleiche hinter dem Kühlschrank gefunden.
Eine 5-ml-Spritze gefunden, ungebraucht.
Den vergilbten Brief einer Frau gefunden,
in die ich mal verliebt war, sie schreibt: »Hallo, Sascha!«
nur nirgendwo ein Revolver.
Dabei muss ich gerade ganz dringend einen gewissen Pimmelkopf erschießen!
Mir ist danach, einfach rauszugehen und auf alles zu schießen, was sich bewegt!
Hass, Bestürzung, Abscheu!
Komm nur, Abteilung für Extremismusbekämpfung,
verhafte den extremistischen Dichter,
bevor der Dichter selbst zu dir kommt mit seinem Revolver!
Wo, wo, wo nur ist mein schwarzer Revolver?
Hinterm Herd gesucht,
eine leere Flasche Absinth gefunden.
Auf den Hängeböden gesucht,
eine Gitarre ohne Saiten gefunden.
(Nicht zu denken an irgendwelche scheiß Lieder,
wenn es höchste Zeit ist, loszuziehen und diese Arschgeigen niederzumähen!)
Im Bad gesucht,
ein altes Paar Skier gefunden.
Im Schrank gesucht,
Omas geflickten Mantel gefunden.
Auf dem Balkon gesucht,
eine sowjetische Enzyklopädie gefunden, aus Stalins Zeiten.
In meiner Hose nachgeguckt,
tote Hose statt schwarzer Revolver.
Dabei bin ich moralisch gewappnet, zu töten,
wo Worte keine Wirkung mehr haben,
wo Orks die Festung von Mordor besetzen,
wo überall Betrug, Diebstahl und Gewalt herrschen.
Wo ist mein schwarzer Revolver?
Morgens meinte im Bus ein Typ in Lederjacke zu mir:
»Hey, du Buchtel, bist ne Schwuchtel oder was?«
Und die Trulla mit goldenen Ohrklunkern auf dem Nachbarsitz
ging in Stellung wie ein Boxer.
Vielleicht bin ich ja wirklich eine waschechte, leibhaftige, ansteckende Schwuchtel,
aus Amerika abgeworfen direkt über eurem heiligen Russland,
nur nirgendwo ein Revolver.
Jesus flüstert aus den Tiefen des Herzens:
Om mani fuck me hum.
Nur nirgendwo ein Revolver.
Die Band Tantra Monsters krakeelt in den Kopfhörern.
Nur nirgendwo ein Revolver.
Einer wurde gestern aus dem Knast entlassen und starb gleich
an einer Überdosis, ein anderer hat 17 Jahre bekommen.
Nur nirgendwo ein Revolver.
Wo ist meine Jugend?
Wo ist meine Rockband aus der Schulzeit?
Wo ist meine erste Reise nach St. Petersburg und die am Moskauer Bahnhof gebrochene Nase?
Wo ist mein Bruder, heute russischer Faschist?
Wo ist meine Heimatstadt, ausgeweidet durch Investoren?
Wo ist der Flötist aus dem zweiten Studienjahr, erhängt noch zu Sowjetzeiten?
Wo ist die Vinyl-Schallplatte von Wyssotzki, aufgenommen in Frankreich?
Wo ist dieses Mädchen, mit dem ich Nacktbaden war im Waldsee bei Moskau?
Wo ist mein Ecstasy, warum nur ein leeres Tütchen?
Und nirgendwo ein Revolver.

 

Ich habe diesen Text im Jahr 2013 verfasst und war überrascht, welche starken Emotionen er auslöst. Er gehört für mich seitdem fest zum Programm. In der Originalfassung trug er den Titel »Die schwarze Pistole«. Die erste Zeile sollte jede in der Sowjetunion aufgewachsene Person an das Lied »In der Großen Kutschengasse« des legendären nonkonformistischen Barden Wladimir Wyssozki erinnern. Stilistisch ist es im Geiste der russischen Gaunerchansons komponiert, die nach dem Zweiten Weltkrieg in jedem Moskauer Hof zu Gitarrenbegleitung gesungen wurden. Die aggressive und inhumane kriminelle Subkultur durchdringt die gesamte russische Kultur. Ich war mir sicher, dass es unmöglich ist, diesen Text zu übersetzen, da nicht-russischsprachige Leser*innen die Haupt­referenz in der ersten Zeile nicht verstehen würden. Vielen Dank an ­Irina, die mich davon überzeugt hat, es trotzdem zu versuchen.

(Aus dem Nachwort des Autors)

 

Alexander Delphinov – Smirnovs Ausnahmefall

Artikelnummer: 4753
Stückpreis: 10,00 EUR
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Alexander Delphinov – Smirnovs Ausnahmefall