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Ludvík Kundera – Überwintern (1971-1989)

Ludvík Kundera
Überwintern. Gedichte
Aus dem Tschechischen von Eduard Schreiber
Graphiken: Kaltnadelradierungen des Autors
40 Seiten, Broschur – 8 €
hochroth Verlag
Berlin 2014

ISBN: 978-3-902871-60-2

Rezension von Volker Strebel bei www.fixpoetry.com

 

Winter in Böhmen, Winter in Mähren
(Nachwort)

1946 bis 1948 vier Gedichtbände, lange Pause wegen großer Kälte, 1961 bis 1967 vier Gedichtbände, lange Pause wegen großer Kälte, Kälte, die immer aus dem Osten kommt. So schreibt sich das Motiv der Kälte ein in die Dichtung Kunderas.

Auf den zweiten Kälteeinbruch 1968 reagiert der Dichter mit dem Zyklus Spád věcí, 1968 (Fall der Dinge), eine durch Ohnmacht und Erschütterung ausgelöste Reaktion, denn vordergründig politische Texte sucht man in Kunderas Dichtung vergeblich, auch die Gesänge auf den Großen Steuermann fehlen. Verallgemeinerungen zum utopischen Weltentwurf sind seine Sache nicht, das lässt schon sein surrealistisches Erbteil nicht zu. Die Welt ist für ihn konkret, sinnlich, ist Zufall und ist Sprache. Dieses Konzept sollte ihn durch die nächsten Jahrzehnte tragen.

Nach dem Ende des Experiments, in der Tschechoslowakei einen „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ zu errichten, bedrückten Lähmung und Gewalt das Land.

Der Dichter vergrub sich mehr und mehr in die Sprache. Er begann am Zyklus über die tschechischen Fälle zu arbeiten (von denen es sieben gibt), ohne jemals an eine Veröffentlichung denken zu können. In einzelnen Gedichten läßt Kundera die großen, auch versteckten und vergessenen Möglichkeiten der tschechischen Sprache anklingen, die besonders im wunderbaren Instrumental – dem siebten Fall – im Genitiv und im Vokativ (der Ruf-Fall, ebenfalls eine Besonderheit der slawischen Sprachen) aufleuchten. In dem großen Gedicht „Winter, Winter!“ ruft er in einer Fantasmagorie des Vokativs gleich mehrere Winter an, nicht enden wollende Winter, Winter, in denen „der Schnee bis ans Fenster reicht / nach draußen kommen wir nur mit dem Spaten“, Winter, als wenn „wir die Grenze des grimmigen Tibet überschreiten“. Kälte, Eis, Schnee, Schneien, Schneesturm – Winter – die immer wiederkehrenden Worte, nahezu eine Litanei des Todes. Schnee, Kälte und Winter, haben in der tschechischen Dichtung als Topos für historische Stillstände eine lang zurückreichende Tradition. Neruda ist nur ein Beispiel. Die zwei Jahrzehnte, verschleiernd „normalizace“ (Normalisierung) genannt, überstanden manche im Exil, manche in der „inneren“ Emigration, die meisten arrangierten sich mit der neuen Macht.

1970 hatte die Parteibürokratie über Kundera, wie über so viele seiner Dichterfreunde, ein Publikationsverbot verhängt. Seit 1955 freischaffend, übersetzt er unter falschem Namen – man nannte das dort „Dachdecker“ – um seine Familie ernähren zu können. Den Kindern wurde der Studienplatz verweigert, auch Übersetzungsarbeiten für deutsche Verlage waren ihm untersagt. 1976 zog die Familie von Brünn nach Kunštát, in das Vaterhaus seiner Frau Jiřina. Das mährische Kunštát als Rückzugsort (schon in der Zeit der deutschen Besetzung ab 1939 im Protektorat Böhmen und Mähren hatten sich tschechische Dichter, versammelt um František Halas, dort zusammengefunden). Die Beziehungen zu Freunden, tschechischen und deutschen, helfen nicht nur zu überleben, sie befördern auch ein Netz klandestin ausgetauschter Gedichte, meistens in winzigen, bibliophil ausgestatteten Ausgaben, oft unter harmlosen Texten versteckt.

Als der Dichter im Januar 1989 in den Garten am Hang hinter dem Städtchen aufsteigt, um den Wacholder einzuhüllen und sich vor der Tanne, die allen Unbilden trotzte, zu verbeugen, war das Ende vom Winter nicht zu erwarten. Doch zehn Monate später zeigte das Fernsehen des Landes Bilder, wie die Akten des verfolgten Dichters in einer Zentrale der Geheimpolizei in Flammen aufgingen.

Und dann in rascher Folge, als ob reife Birnen von den Bäumen fallen, von 1990 bis 1992 sechs Bände mit Gedichten, Gedichte vom reduzierten Leben, Bücher aus den Schubladen: Ptaní („Fragen“), 1990, Malé radosti („Kleine Freuden“), 1990, Ztráty a nálezy („Verluste und Funde“), 1991, Napříč Fantomázií („Quer durch Phantomasien“), 1991, Pády („Die Fälle“), 1992 (mit einem Nachwort seines Freundes Emil Juliš, der seit 1970 ebenfalls mit Publikationsverbot belegt war), Spád věci a jiné básně („Fall der Dinge und andere Gedichte“), 1992 – und in all diesen Bänden verstreut die Gedichte vom Überwintern.

Radonitzer

Ludvík Kundera - Überwintern (1971-1989)

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Ludvík Kundera – Überwintern (1971-1989)