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Die Abtastnadel in der Rille eines traurigen Lieds

Sandra Beasley

Die Abtastnadel in der Rille eines traurigen Lieds. Gedichte

Übersetzt von Ron Winkler

zweisprachig (englisch/deutsch)

28 Seiten, Broschur – 8 € –

hochroth Verlag

Berlin 2011

ISBN : 978-3-942161-13-8

SANDRA BEASLEY, 1980 geboren, wuchs in Virginia auf und lebt in
Washington. Ihr erster Gedichtband »Theories of Falling« gewann
2007 den New Issues Poetry Prize. 2009 erhielt ihr zweiter
Gedichtband »I Was the Jukebox« den Barnard Women Poets Prize.
Sie erhielt mehrere Stipendien. Ihre Gedichte erschienen in
verschiedenen amerikanischen Literaturzeitschriften und wurden
für The Best American Poetry 2010 ausgewählt.

Textproben:

DU

Du bist das Haus, aus dem Flammen schlagen.
Du bist die Stimme der Sirenen. Du bist
die wild herumfuchtelnde Menge, das Momentum
vor Weegees Linse. Du bist Flammen
die über Fluchtwege lecken. Du bist die Mutter
die auf der Klippe des Fensterbretts steht.
Du bist die Möglichkeit, ihr Baby fallen zu lassen.
Du bist die Aussicht auf eine spontan gebildete Menge
sechs Hände, die einen rußigen Trenchcoat aufspannen. Du
bist die einzige Option. Du bist ein einzelner Tropfen.
Zehn Etagen tiefer predigt man, du wärst wie eine Wolke
sanftes Schweben. Du bist wie eine Wolke. Grau
und ohne jeden Inhalt. Du bist jener Augenblick
vor dem Stürzen, dem Sturz, dem Schwirren
des Stürzens, Schreien des Stürzens, dem süßen
Aufprall. Du bist schwarzes Blut, das über
die Wände kriecht. Du bist eine Abtastnadel
in der Rille eines furchtbar traurigen Lieds.
Das Haus schlägt Flammen aus dir.

*

DAS EXPERIMENT

Meine Mutter verrührte in einem Einmachglas Zucker und Wasser.
Ich legte das dünne Büttenpapier auf einen Gartenstein.
Ihr Pinselstrich versah den Bogen mit Inseln –
erst eine, dann zwei, eine Fidschi und Hokkaido,
Küstenlinien, die sie aus Magazinen kannte –
während ich acht Raupen fing, mich auf den Boden hockte
und ihr borstiges dunkles Blau mit der hohlen Hand überdachte.
Als sie den Pinsel absetzte, ließ ich die acht aufs Papier.
Danach ein Bad. Ein Kartenspiel. Sandwiches. Zöpfe flechten.
Jahre später würde sie sagen, sie habe nie Kinder gewollt.
Als wir zurückkamen, waren die Raupen verschwunden,
die zuckrigen Stellen weggenagt. Unsere Hungerlandkarte,
sagte sie, hielt den zerfressenen Bogen gegen die Sonne –
und das Licht malte ihr einen Archipel aufs Gesicht.

Die Abtastnadel in der Rille eines traurigen Lieds

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Die Abtastnadel in der Rille eines traurigen Lieds